Die Welt verstehen (Leitantrag)

Positionierungen

der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken LV Hessen

Die Welt verstehen, die Gesellschaft verändern, Sozialismus (er)leben!

Immanuel Benz, Leitantrag zur Bundeskonferenz 2013 der SJD – Die Falken.

 

Die Strukturen der Welt sind nicht zufällig, sondern von Menschen gemacht und können damit auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Für uns, die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, bedeutet dies, dass wir die Welt verstehen müssen, um sie verändern zu können. Erst das Verständnis für die Verhältnisse und Zwänge, die unser Leben und damit auch unser Bewusstsein unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise bestimmen, ermöglicht es uns, Befreiung zu denken und Herrschaft zu bekämpfen. Als sozialistische Selbstorganisation von und für Kinder und Jugendliche sind wir stets Teil gesellschaftlicher Entwicklungen. Den gesellschaftlichen Herausforderungen können wir uns nur stellen, wenn wir unsere Rolle als Verband in der Gesellschaft hinterfragen und die Veränderungen der Lebensrealität von jungen Menschen im Fokus behalten. Diese Lebendigkeit und Fähigkeit zur Selbstveränderung ist Voraussetzung, um unserem Anspruch gerecht zu werden, Gesellschaft wirksam gestalten zu können.

Unser Alleinstellungsmerkmal als Falken ist die Kombination aus Politik und Pädagogik. Dazu gehört:

Wir wollen die Welt verstehen lernen: Wir analysieren und kritisieren die vielfältigen Herrschaftsstrukturen, die unser Zusammenleben beeinflussen. Wir wissen um die Veränderbarkeit der Welt.
Wir wollen die Gesellschaft verändern: Wir wollen den Kapitalismus sowie alle Formen struktureller Gewalt und autoritärer Herrschaft überwinden. Mit unserer grundsätzlichen Kritik mischen wir uns in Politik und Gesellschaft ein. Gegen die herrschenden Verhältnisse setzen wir unsere Vorstellungen einer sozialistischen Gesellschaft als Alternative. Ohne von unserem grundsätzlichen Ziel einer sozialistischen Zukunft abzurücken, wehren wir uns gleichzeitig gegen jede aktuelle Form von Verteilungsungerechtigkeit, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Entdemokratisierung. Denn wir wollen die Lebensrealität von jungen Menschen schon im Hier und Jetzt verbessern.
Wir wollen Sozialismus (er)leben: Wir begnügen uns weder mit abstrakter Theorie noch mit bloßen Parolen, denn Sozialismus ist nicht nur eine Zukunftsaufgabe. Im täglichen Erleben bei den Falken, in unserem solidarischen Kampf für die Interessen von Kindern und Jugendlichen durchbrechen wir mit unserem Denken und Handeln die kapitalistische Logik. Wir erobern uns Freiräume und versuchen darin schon heute, die Vorstellung einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft vorwegzunehmen.

 

Die Welt verstehen lernen

„Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.” (Rosa Luxemburg)

Die Entwicklungen der letzten Jahre standen ganz im Zeichen der Krise. Kapitalismuskritik, so scheint es, hat dadurch Konjunktur. Doch auch wenn selbst einige Konservative und Liberale plötzlich Karl Marx für sich entdecken und erkennen, dass Kapitalismus und Krisen irgendwie doch zusammengehören, wird die Legitimität dieser allein auf Profitorientierung fußenden Wirtschafts- und Gesellschaftsform nicht grundsätzlich hinterfragt. Auch wenn an die Stelle der „Versprechensökonomie“ mit der Verheißung des „Wohlstands für alle“ längst eine „Erpressungsökonomie“ getreten ist, die nicht system-konformes Handeln mit sofortiger Ausgrenzung bestraft: Der Kapitalismus gilt in weiten Teilen der Gesellschaft weiterhin als alternativlos. Der Druck auf die Menschen ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer größer geworden. Dafür haben die Dominanz der marktradikalen Ideologie und ihre Rhetorik der vermeintlichen Sachzwänge sowie die damit einhergehende freiwillige Unterwerfung der Politik unter die Herrschaft der Märkte gesorgt. Alle Lebensbereiche werden nach dem Willen des Kapitals und seinen Prinzipien der ökonomischen Verwertbarkeit ausgerichtet. So wie wir arbeiten, sollen wir auch leben.

Im Zuge seiner ständigen Expansion hat sich der Kapitalismus auf der Suche nach neuen Ressourcen, Märkten und besseren Verwertungsbedingungen den ganzen Globus untertan gemacht. Der Kapitalismus entfesselt dabei enorme Produktivkräfte und setzt zugleich gewaltige Zerstörungskräfte frei. Die kapitalistische Produktionsweise beruht auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Sie untergräbt die natürlichen Lebensgrundlagen. Nicht menschliche Bedürfnisse, sondern allein das fortwährende Streben nach Profit stehen im Mittelpunkt. Die Menschen werden aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit beurteilt. Dabei produziert der Kapitalismus ständig Gewinner*innen und Verlierer*innen – innerhalb von und zwischen Gesellschaften. Indem denjenigen, die den Reichtum mit ihrer Arbeitskraft produzieren, die Teilhabe an diesem Reichtum verwehrt bleibt, sind Armut, Hunger und Ausgrenzung notwendige Bestandteile der kapitalistischen Ordnung. Die Entwicklungen zeigen, dass Nationalstaaten im globalen Kapitalismus einerseits massiv an Bedeutung verlieren, da sich internationale Probleme nicht national lösen lassen. Andererseits sind es meistens weiterhin Nationalstaaten, die in dem verschärften globalen Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen und Einflusssphären agieren, da es oft keine anderen einsetzbaren Machtstrukturen gibt. Kriege wie in Afghanistan, Irak oder Libyen zeigen, dass dies die Bereitschaft von Staaten erhöht, geopolitische und wirtschaftliche Konflikte militärisch auszutragen. Unser Kampf für Sozialismus ist immer ein Kampf gegen Nationalismus und Militarismus. Wir Falken müssen die weltweiten Entwicklungen von Politik und Gesellschaft verstehen und jungen Menschen verständlich machen. Wir lehnen den Einsatz militaristischer Gewalt zur Lösung von Konflikten ab und wehren uns gegen die Militarisierung der Gesellschaft. Gelebter Internationalismus ist unsere Alternative und setzt auf Solidarität.

Die anhaltende internationale Wirtschaftskrise ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Denn Kapitalismus funktioniert nicht ohne Krisen. Ökonomische, ökologische und soziale Krisen entstehen im Kapitalismus nicht einfach aus der fehlerhaften Politik eines einzelnen Staates, dem Handeln gieriger Manager*innen oder vorübergehenden Gleichgewichtsstörungen zwischen Angebot und Nachfrage. Sie sind vielmehr die Konsequenz seiner eigenen Dynamik, der fortwährenden Tendenz zur Anhäufung von Kapital und Überproduktion von Waren, die schließlich nicht mehr abgesetzt werden können. Die Flucht des Kapitals aus der Warenwirtschaft in spekulative Blasen entspringt folglich weiterem Streben nach Profit und kann die strukturellen Probleme der kapitalistischen Ökonomie nicht lösen. Dabei werden immer wieder hunderttausende Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben und Existenzgrundlagen zerstört. Hierbei wird deutlich, dass eine künstliche Unterscheidung in einen vermeintlich „guten“ Industrie- sowie einen „bösen“ Finanzmarktkapitalismus nicht trägt, sondern den Blick auf eine umfassende Kapitalismuskritik verschließt. Um Ausbeutung tatsächlich zu überwinden und die Logik der Verwertbarkeit endgültig zu durchbrechen, genügen keine kleinen „Reparaturarbeiten“ oder ein wie auch immer gearteter Politikwechsel, sondern allein ein Wechsel des Systems.

Auch der größte Rettungsschirm verhindert nicht den Regen          

Auch im x. Jahr der kriselnden Banken und Staatenwelt zielen die Antworten der internationalen Politik und Wirtschaft allein auf die Wiederherstellung von Wettbewerbsfähigkeit und die Erhaltung des kapitalistischen Systems. Doch ändert auch der größte Rettungsschirm nichts an der Tatsache, dass es regnet. Die Folgen dieses angeblichen „Krisenmanagements“, das selbst die größte Kapitalvernichtung vergesellschaftet, sind weithin sichtbar: Regierungen aus nicht legitimierten Technokraten, eine weitere Entmachtung der Parlamente sowie eine massenhafte Arbeits- und zunehmende Perspektivlosigkeit der Jugend in immer mehr Ländern Europas sind nur die Spitze des Eisbergs. Im Zuge der internationalen Krise tritt die deutsche Regierung nach außen zunehmend nationalistisch auf, um ihre Vormachtstellung in Europa zu sichern. Medial erzeugte Klischees und Bilder, wie jene der „Pleite-Griechen“, erzeugen Vorurteile und behindern eine wirksame internationale Solidarisierung. Wir lehnen diese Krisenrhetorik ab, denn sie endsolidarisiert und fördert ein Klima der Verachtung. Die Verursacher*innen der Krise sind nicht die Arbeiter*innen in Griechenland, sondern das internationale Kapital.

Das gerade auf Betreiben der deutschen Regierung durchgesetzte europäische Spardiktat hat die Demokratie in einigen Ländern Europas schlicht außer Kraft gesetzt. Mit Maßnahmen aus dem Werkzeugkasten der Agenda 2010 und der Schuldenbremse werden Instrumente des Sozialabbaus zum deutschen Exportschlager. Drastische Sparmaßnahmen kürzen genau bei jenen, die sich am wenigsten wehren können. Wenn die durch die Bankenrettungen erhöhten Staatschulden durch Entlassungen, Sozialabbau und Gehaltskürzungen reduziert werden, bedeutet das eine weitere massive Umverteilung von unten nach oben. Länder wie Griechenland drohen so zum Experimentierfeld für einen neoliberalen Law-and-Order Staat in Reinform zu werden. Auch in der relativen Wohlstandsoase Deutschland glänzen allenfalls wirtschaftliche Statistiken. Deren Kehrseite sind die Folgen des von Regierungen unterschiedlicher Couleur vorangetriebenen Abbaus sozialstaatlicher Errungenschaften: Dazu gehören unsichere Lebensverhältnisse, prekäre Beschäftigungsbedingungen, ein florierender Niedriglohnsektor sowie letztendlich die enorm gewachsene soziale Spaltung in Arm und Reich. Gleichzeitig wird auf erbärmliche Weise versucht, die Folgen dieser Politik durch dreiste Schönfärberei am Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zu verschleiern.

Trotz des Ausmaßes der gegenwärtigen Krise stehen wir nicht vor dem Ende des Kapitalismus. Aber: Viele vermeintliche Gewissheiten der Vergangenheit sind erschüttert. Der neoliberale Lack ist ein Stück weit ab. Viele Menschen empfinden Ungerechtigkeit und suchen nach Alternativen. Wir, die Sozialistische Jugend, müssen unsere Stimme erheben und unseren Beitrag leisten, um einen Umbruch im gesellschaftlichen Denken zu fördern.

Die Lebenssituation junger Menschen – „Nein“ zu Verwertung und Ausgrenzung!

Junge Menschen sind der kapitalistischen Ausbeutung und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Profitstreben, Individualisierung und Konkurrenzdenken werden schon früh verinnerlicht. Von Sozialabbau und der zunehmenden Spaltung in arm und reich sind junge Menschen besonders betroffen: Armut gehört zur Lebensrealität einer wachsenden Zahl von Kindern. Junge Menschen leiden am häufigsten unter prekären Beschäftigungsbedingungen. Selbst gut ausgebildeten jungen Menschen wird durch die grassierende Befristung von Arbeitsverhältnissen und Lohndrückerei jegliche Perspektive verbaut. Armut gilt dabei trotzdem als individuell verschuldet. Wer arm ist, soll sich bitte an seinem eigenen Schopf aus der Misere ziehen. Kinder und Jugendliche müssen in der Schule oder in der Ausbildung unter Leistungsdruck „funktionieren“ und werden für den Arbeitsmarkt „fit“ gemacht. In keiner anderen Industrienation entscheiden Herkunft und Einkommen der Eltern so sehr über die zukünftige Entwicklung junger Menschen wie in Deutschland. So wird Kindheit auf Kompetenzerwerb reduziert und Jugend dient der Vorbereitung auf Verwertung.

Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ist geprägt von unterschiedlichen, miteinander verschränkten Herrschaftsmechanismen. Sexismus und Rassismus gehören zum Alltag junger Menschen. Sie werden ausgegrenzt und diskriminiert wegen ihrer sozialen Lage, wegen ihrer Herkunft, wegen ihres Aussehens, wegen ihrer sexuellen Orientierung. Ihre individuellen Meinungen und Bedürfnisse werden kaum ernst genommen. In der bürgerlichen Demokratie sind Kinder und Jugendliche von gesellschaftlicher Teilhabe und politischer Mitbestimmung fast vollständig ausgeschlossen. Im öffentlichen Diskurs wird kaum über die Probleme von Kindern und Jugendlichen gesprochen, geschweige denn, dass sie selbst zu Wort kommen. Meist gilt die „Jugend“ als Problem, wenn sie versucht, sich dem Anpassungs- und Verwertungsdruck zu entziehen und etablierte Herrschaftsstrukturen oder Rollenerwartungen in Frage stellt. Doch wer sich nicht anpassen will oder kann, wird aussortiert. Ein Beispiel unter vielen ist die menschenverachtende Asylpolitik, die jungen Menschen fundamentale Grundrechte verwehrt.

Die Kehrseite neoliberaler Wirtschaftsvorstellungen ist im Grunde ein autoritärer Politikansatz. Wettbewerb und das Recht des Stärkeren prägen alle Lebensbereiche und fördern gesellschaftliche  Endsolidarisierung und Diskriminierung. Unsichere und fremdbestimmte Lebensverhältnisse sowie der Druck zur Individualisierung tragen zu einer Vereinzelung junger Menschen bei. Selbstbestimmte Freiräume und Orte gemeinschaftlicher Handlungsmöglichkeiten im Leben von Kindern und Jugendlichen schwinden. Bei ihrer Suche nach Orientierung und Bindungen besteht die Gefahr, dass sie sich im Rückzug ins Private verlieren oder aber autoritären Vorstellungen von Gemeinschaft folgen. Politischer Populismus macht menschenverachtende Stammtischparolen salonfähig und leistet rechtsradikalen Vorstellungen Vorschub. Rassistische und nationalistische Einstellungen sind schon heute strukturell bis weit in die selbsternannte Mitte der Gesellschaft verankert. Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus nehmen auch unter jungen Menschen zu. Der jahrelang unbehelligte Nazi-Terror des sogenannten NSU und Fälle rassistischer Polizeigewalt belegen das Versagen des bürgerlich-liberalen Staats im Kampf gegen Rechts. Wir Falken nehmen Vertuschungen und Verharmlosung von gesellschaftlichem und staatlichem Rassismus nicht hin. Wir wollen eine Welt, in der jede*r ohne Angst verschieden sein kann. Antifaschismus und Internationalismus sind grundlegend für unser Selbstverständnis und unsere Arbeit. Wir fordern ein freies und selbstbestimmtes Leben und kämpfen für ein solidarisches und demokratisches Miteinander.

Gemeinsam Gesellschaft verändern

„Erziehung kann niemals neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung." (Paulo Freire)

Phrasen von der „Begrenzung der kapitalistischen Maßlosigkeit“ suggerieren, mit ein bisschen weniger Ausbeutung sei die Welt in Ordnung. Unsere radikale Kapitalismuskritik hingegen setzt an den Wurzeln der bestehenden Verhältnisse an. Wir Falken sind überzeugt davon, dass es eine tatsächliche Befreiung innerhalb der kapitalistischen Ordnung nicht geben kann. Deswegen streiten wir für eine sozialistische Gesellschaft. Damit wir als Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken wahrgenommen werden und Gesellschaft beeinflussen können, müssen wir bei den Bedürfnissen der Menschen ansetzen, die wir erreichen und zur Selbstorganisation befähigen wollen. Zwang und Ausbeutung im Kapitalismus sind keine theoretischen Probleme, sondern gehören zum Alltag. Aufbauend auf unserer Gesellschaftsanalyse und ausgehend von der Lebenswirklichkeit junger Menschen entwickeln wir gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen unsere konkreten Forderungen zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Durch das eigene aktive Handeln und Erleben machen wir die Veränderbarkeit der Welt erfahrbar. Die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen stehen dabei im Mittelpunkt. Ihre Meinung zählt, denn die Entscheidungen werden von den Betroffenen gefällt. Als lebendiger Teil der Arbeiter*innenbewegung bleibt es unser historischer Auftrag, für die Interessen der von Armut und Ausbeutung am stärksten betroffenen Kinder und Jugendlichen besonders einzustehen. Unser Kampf für eine sozialistische Gesellschaft ist auch nach 110 Jahren Verbandsgeschichte aktuell.

Sozialistische Erziehung innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist immer Gegenerziehung. Während die Formen der bürgerlichen Erziehung vor allem die herrschenden Verhältnisse reproduzieren und darauf abzielen, brauchbare Arbeitskräfte und gehorsame Staatsbürger*innen heranzuziehen, wollen wir Falken diese Gesellschaft verändern. Die Stärke unserer sozialistischen Erziehungsarbeit ist das Zusammendenken von Theorie und Praxis. Kinder und Jugendliche erfahren und gestalten dabei in unserem Verband einen Dreiklang aus Bildungsarbeit, politischer Aktion sowie dem Ausprobieren alternativer Lebensweisen. In all diesen Zusammenhängen hat unsere Erziehung Mündigkeit zum Ziel. Wir wollen dazu beitragen, dass sich Kinder und Jugendliche zu selbstbestimmten Persönlichkeiten entwickeln, die ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse erkennen, formulieren und selbstbewusst einfordern können, die politisch denken, gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen und sich widerstreitender Interessen bewusst sind.

Wir bieten jungen Menschen die Möglichkeit, Freiräume zu erobern, bewusst zu erleben und zu gestalten – als Individuum und als Kollektiv. Junge Menschen erfahren Anerkennung, Solidarität und Freundschaft, sie erlernen Selbstorganisation und Mitbestimmung. Bildung ist keine Einbahnstraße, sondern ein wechselseitiger Prozess. Bei uns wird Demokratie nicht nur gespielt, sondern gleichberechtigte Mitbestimmung mit altersgerechten Methoden gelebt. Die Erfahrungen, die junge Menschen bei uns machen, stehen oft im krassen Gegensatz zu ihrem Alltag. So versuchen wir mit unseren Angeboten, unsere Vorstellung eines freien und solidarischen Zusammenlebens unter Gleichen schon heute zu ermöglichen. Wir streben eine Gesellschaft an, in der sich selbstbestimmte Individuen innerhalb eines solidarischen Kollektivs frei entfalten können, anstatt sich von anderen abgrenzen zu müssen. Wir fordern eine Gesellschaft, in der nicht einfach Erwachsene bestimmen, was Kinder und Jugendliche zu wollen haben und wie sie zu schützen sind. Dafür stehen unsere Werte der Koedukation, des Internationalismus und Antifaschismus. Dabei sind wir zwar alle geprägt von der Welt, in der wir leben, und können uns nie vollständig von den Zwängen des kapitalistischen Alltags befreien. Indem wir jedoch die Welt, die wir erstreben, schon heute im Kleinen antizipieren, machen wir den Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft deutlich und bieten jungen Menschen eine konkrete Alternative. Um diese Widersprüche erfahrbar zu machen und diesen Lernprozess in Gang zu setzen, bieten wir unterschiedliche Zugänge: Vom einfachen Freizeitangebot, in dem der Erlebnischarakter im Mittelpunkt steht, bis zum komplexen Theorieworkshop.

Wir brauchen starke Kollektive, um uns der Zerstörung des Individuums unter den Voraussetzungen der kapitalistischen Verwertungslogik zu widersetzen. Nur wenn wir über einen langen Zeitraum mit den gleichen jungen Menschen zusammenarbeiten, können wir etwas bewegen. In Zeiten der unsicheren Finanzierung und zunehmenden Verzweckung der Jugendverbandsarbeit stehen wir vor der großen Herausforderung, kontinuierliches ehrenamtliches Engagement weiterhin zu gewährleisten. Zeitfenster und Freiräume für Gruppenerlebnisse werden aufgrund weiter individualisierter und verdichteter Lebensabläufe immer kleiner. Die Bedeutung von Gruppenstunden und regelmäßiger Gruppenarbeit ist und bleibt für unseren Verband jedoch zentral. Als Lernfeld für Demokratie, Selbstorganisation und Interessensvertretung ist die Gruppe Basis und Herz der Falken. In der Gruppe und durch die Gruppe befähigen wir uns zum gemeinschaftlichen Handeln.

Die Erfahrungen in der Gruppe, im Zeltlager, in den Seminaren und den Offenen Türen finden aber nicht auf einer Insel statt, auf die wir vor dem kapitalistischen Alltag fliehen. Was wir von- und miteinander lernen, bildet vielmehr den Ausgangspunkt dafür, wie wir Gesellschaft verändern wollen. Bildungsarbeit und die Beteiligung an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen alleine reichen nicht, um Kapitalismus zu überwinden. Den Kampf um die Köpfe können wir nur gewinnen, wenn es uns gelingt, auch die Herzen zu erreichen. Wir müssen junge Menschen nicht nur von unserer Gesellschaftsanalyse überzeugen, sondern auch ihre Begeisterung dafür wecken, sich mit uns zu organisieren und Freiräume zu erkämpfen. Diese Erfahrungen selbst können die Menschen in ihrer Überzeugung bestärken, dass eine andere Welt möglich ist, und ihnen die Kraft geben, diesen Kampf fortzuführen.

Freiräume erobern – Sozialismus (er)leben!

„Zorn und Unzufriedenheit allein genügen nicht, so etwas muss praktische Folgen haben.“ (Bertolt Brecht)

Unser Verband ist unterschiedlich, aber nicht beliebig. Die Vielfalt in den Ringen und Gliederungen ist eine große Stärke, wenn es uns gelingt, diese zu einem überzeugenden Gesamtbild der Falken als sozialistische Jugend zusammenzuführen. Mit unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen sprechen wir Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen an. In der kontroversen, offen und solidarisch geführten Auseinandersetzung schärfen wir unser politisches Bewusstsein. Der Verband ist nur so stark wie seine Gliederungen. Nur mit vereinten Kräften können wir mit unseren Vorstellungen politische Wirkungskraft entfalten. Eine enge Anbindung untereinander ist dabei wichtig. Es gilt auch, dass Gliederungen von handlungsfähigen Strukturen auf nationaler wie internationaler Ebene profitieren – besonders, wenn sie diese aktiv mitgestalten.

 

Unsere gemeinsamen Handlungsfelder

Die Auseinandersetzung mit der Theorie und Praxis unserer sozialistischen Erziehung soll dabei als roter Faden die unterschiedlichen Arbeitsbereiche miteinander verbinden. Gesellschaftliche Umwälzungen und sich verändernde Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen stellen ebenso eine ständige Herausforderung für unsere politische und pädagogische Arbeit dar wie die zunehmende Verzweckung von Jugendverbandsarbeit. Wir wehren uns gegen alle Versuche, Jugendverbände zum verlängerten Arm staatlichen Handelns zu degradieren. Stattdessen werden wir unser Selbstverständnis als Selbstorganisation junger Menschen weiterentwickeln. Unsere sozialistische Erziehung besteht nicht aus dogmatischen Grundsätzen. Sie ist ein ständiger Prozess, in dem wir aus Erfahrungen lernen und gemeinsame Perspektiven entwickeln. Daher ist es wichtig, dass wir uns immer wieder eingehend mit den Werten, Zielen und Methoden unserer sozialistischen Erziehungsarbeit auseinandersetzen. Dabei müssen wir immer wieder neu überprüfen, wie wir unter den herrschenden Verhältnissen unserem Anspruch an Antizipation und Mitbestimmung in der Praxis gerecht werden können. In diese Überlegungen gilt es, auch die Arbeit der Offenen Türen, Bildungsstätten, Spielmobile sowie aller weiteren Zusammenhänge unserer Pädagogik einzubeziehen. Das Erleben bundesweiter und internationaler Veranstaltungen stärkt unsere Verbandsidentität.

Damit wir Falken mit unserer sozialistischen Erziehung etwas bewegen können, brauchen wir vor allem starke Gliederungen. Denn sozialistische Erziehung findet zunächst vor Ort statt. Verbandsaufbau und -sicherung bleiben daher zentrale und gemeinsame Aufgaben. Wir wollen mehr werden und weiße Flecken auf der Karte rot färben. Um mehr zu werden, bietet zudem unsere Schulkritik die vielversprechende Möglichkeit, in der Zusammenarbeit mit Schüler*innenvertretungen junge Menschen im RF-Alter für unseren Verband zu begeistern. Denn von der Frage nach dem richtigen Lernen zum Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ist es nur ein kleiner Schritt!

Aus unserem Verständnis von Erziehung sowie unserer historischen Herkunft leitet sich unser Antifaschismus ab. In den kommenden Jahren wird es darauf ankommen, dass wir faschistisches Denken und rechte Gewalt entschieden bekämpfen. Wir tun dies nicht erst, seitdem wir Falken (wieder) Ziel rechtsradikaler Angriffe geworden sind. Auch in Zukunft werden wir uns von Nazis nicht einschüchtern lassen. Bei der bundesweiten Planung der Gedenkstättenfahrt nach Ausschwitz werden wir uns besonders damit beschäftigen, was Gedenken für uns heute heißt und was Auschwitz als „Mahnmal der deutschen Geschichte“ für unsere politische Arbeit bedeutet. 

Der Internationalismus gehört zu unserer Identität als sozialistischer Kinder- und Jugendverband. Ein Sommerzeltlager der Falken mit mehreren tausend Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus aller Welt ist für alle Beteiligten ein besonders eindrucksvolles Erlebnis internationaler Solidarität, das wir durch die Ausrichtung des IFM-Camps im Sommer 2016 möglichst vielen Kindern und Jugendlichen ermöglichen wollen. Das IFM-Camp wird in gemeinsamer Vorbereitung des gesamten Bundesverbands, der Gliederungen sowie der IFM-SEI (International Falcon Movement – Socialist Educational International) organisiert werden.

Unsere Arbeit

Für die Arbeit des F-Rings ist es im Zusammenhang mit sozialistischer Erziehung besonders wichtig, die Möglichkeiten unserer Verbandsstrukturen für die Mitbestimmung von Kindern konsequent zu nutzen und auszubauen. Gleichzeitig wollen wir unsere gesellschaftliche Vorreiterrolle nutzen, um uns für altersgerechte und ernsthafte Formen kommunaler Beteiligung und gesellschaftlicher Mitsprache von Kindern einzusetzen. Was andernorts als Modewort kursiert, ist in unseren Zeltlagern und Gruppen selbstverständliche Praxis. Bei uns wird Demokratie bereits für Kinder zur natürlichen Lebensform, indem sie stets im größtmöglichen Maße als gleichberechtigte Entscheidungsträger*innen  betrachtet werden. Damit lernen sie, sich aktiv und solidarisch für die eigenen Interessen einzusetzen – in der Schule, in der Familie und in der Gesellschaft.

Aus Sicht des SJ-Rings als selbstorgansierte Interessenvertretung von Jugendlichen steht der gemeinsame Kampf für selbstbestimmte Freiräume jenseits von Verwertungslogik im Mittelpunkt. Gemeinsam mit den Jugendlichen müssen wir die Verbindung zwischen ihrer Unzufriedenheit über Alltagsprobleme und unserer Kapitalismuskritik herstellen. Dieser Zusammenhang bildet den Ausgangspunkt dafür, dass wir uns mit unseren Forderungen nach umfassenden Möglichkeiten zu gesellschaftlicher Teilhabe für junge Menschen und zur Verbesserung ihrer Lebenssituation Gehör verschaffen. Zudem geht es darum, wie jugendliche Selbstorganisation in unserem Verband konkret verwirklicht wird und was dies für das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv bedeutet.

Der Einsatz für die Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine Querschnittsaufgabe des Verbandes: Kein Sozialismus ohne Feminismus. Bei der Analyse von sexistischen Strukturen in unserer Gesellschaft legt die Arbeit der Mädchen- und Frauenpolitischen Kommission einen Schwerpunkt auf die ungleichen Machtverhältnisse im öffentlichen Raum. Unsere Aufgabe weiterhin herrschende Verhältnisse zu analysieren, Benachteiligungen konkret aufzuzeigen, Mädchen und Frauen zu stärken und Beteiligungsdefizite abzubauen, gilt jedoch nicht nur für unsere Kritik an der Gesellschaft, sondern ebenfalls im Hinblick auf unseren eigenen Verband. Die Einführung der Doppelspitze ändert nichts daran, dass wir unsere eigenen Strukturen weiterhin kritisch hinterfragen und weitere Wege zur bewussten Frauenförderung finden müssen. Um strukturellen Sexismus wirksam anzugreifen, bleibt eine parteiliche Mädchen- und Frauenarbeit unerlässlich. Gleichzeitig wehren wir uns gegen heteronormatives Denken und engstirnige Vorstellungen über Geschlechterrollen. Ob Homo, Bi, Trans oder Hetero: Wir treten ein für die Vielfalt der Lebensentwürfe – in der Gesellschaft und in unserem Verband.

Weiterhin sind wir der Überzeugung, dass unser Kampf für den Sozialismus international geführt werden muss. Wir solidarisieren uns mit den Herausforderungen unserer Schwesterorganisationen aus IFM, YES und IUSY.  Gemeinsam versuchen wir nationales Denken und Handeln zu überwinden und wehren uns gegen Armut, Gewalt und Ausbeutung. Insbesondere mit unseren europäischen Partner*innen müssen wir die menschenverachtende Abschottungspolitik Europas angreifen sowie der Entsolidarisierung und dem wachsendem Nationalismus als Folgen der herrschenden Krisenpolitik entgegenwirken. Wir pflegen den engen Kontakt zu unseren Schwesterorganisationen im Nahen Osten und prüfen, ob es nach den Umwälzungen in Nordafrika Ansätze für neue Kooperationen gibt. In unseren drei Internationalen übernehmen wir mit starken Kandidaturen Verantwortung und unterstreichen damit unser Engagement.

Damit wir als Kinder- und Jugendverband mit unseren Forderungen und Kompetenzen wahr- und ernst genommen werden, bedarf es einer starken kinder- und jugendpolitischen Vertretung auf allen Ebenen. Gemeinsam mit anderen Jugendverbänden bekämpfen wir die Kommerzialisierung der Jugendhilfe, die Instrumentalisierung von Jugendverbänden und den ideologischen Irrsinn einer Extremismusklausel. Wir setzen uns für eine gute Jugendpolitik ein, die Jugend endlich als Wert an sich und nicht als Vorbereitung zur Verwertung versteht, die ehrenamtliche Verbandsstrukturen als Werkstätten der Demokratie anerkennt und auch in Zeiten der Ganztagsschule stärkt.

 

So wollen wir die Welt verstehen lernen,

die Gesellschaft verändern

und Sozialismus (er)leben!